Frühjahrsputz auf Twitter – Ein Selbsttest

Seit fast 10 Jahren bin ich bereits auf Twitter. Man sollte meinen, alle alten Tweets zu löschen, sollte nicht so schwer sein. Ist es aber. Und unterwegs passieren seltsame Dinge. Ein Selbsttest:

Warum eigentlich?

Über die Jahre habe ich mir eine eine aktive Followerschaft aufgebaut und mehrmals den Fokus meines Twitter Accounts geändert. Anfangs (2010) ging es noch hauptsächlich darum meine YouTube-Videos zu bewerben und mit Hörern meiner Musik in Kontakt zu treten. Dieser Fokus hat sich vor ca. 5 Jahren komplett gedreht als ich vom Musiker zum Blogger wurde. Die Leute, die mir damals wegen meiner Musik gefolgt sind, konnten mit den neuen Inhalten eher weniger anfangen und viele sind mir entfolgt. Gleichzeitig kamen auch viele neue Follower aus der Blogosphäre und aus dem weiteren Open Source Umfeld dazu. Diese neue Followerschaft kann mit meinen alten Tweets zu meiner Musik nichts anfangen und ich war selbst überrascht, über was ich damals alles getwittert habe. Es war nichts dabei, für dass ich mich schämen würde, aber es war einfach noch eine andere Zeit und man hat über andere Dinge getwittert. “Habe meinen Bus verpasst” oder “@johndoe gehen wir ein Eis essen?” waren noch normale Tweets zu dieser Zeit.

Jedenfalls kam ich zu dem Schluss, dass ich an meinen alten Tweets nicht so sehr hänge. Das meiste sind Momentaufnahmen, die Wochen später auch niemanden mehr interessieren. Interaktionen, die kurz nach dem Absetzen des Tweets entstehen, sind schön, haben aber kaum dauerhaften Mehrwert. Deshalb habe ich nach Möglichkeiten gesucht, alle meine Tweets zu löschen, um meine Timeline zurückzusetzen.

Der offizielle Weg

Twitter hätte gerne, dass, wenn man alle seine Tweets löschen will, man einfach seinen Account löscht und neu erstellt. Sie sagen ausdrücklich, dass sie kein Tool zur Massenlöschung von Tweets anbieten. Hier schafft Twitter eine Marktlücke, die andere Dienste gerne füllen. Diese Lösung hätte für mich natürlich auch funktioniert, hätte aber den Nachteil, dass ich alle meine Follower verlieren würde. Also habe ich mich für einen anderen Weg entschieden.

Der inoffizielle Weg

In Zeiten von Social Media Detoxing, twitternden Präsidenten und auch nach 13 Jahren ohne die Möglichkeit einen Tweet zu bearbeiten, sind natürlich viele Drittanbieter-Services aus dem Boden geschossen, die versuchen Lücken zu füllen. Ich habe tatsächlich 3 verschiedene Dienste nutzen müssen, um zum Ziel zu kommen.

TwitWipe Teil 1

TwitWipe sieht erst mal so aus wie eine Seite, die dir einen falschen Flashplayer zum Download anbieten möchte, ist aber sehr effektiv in dem, was es tut.

Man loggt sich mit seinem Twitter Account ein und kann dann seine Tweets löschen lassen. Man muss dazu alle Scriptblocker deaktivieren, weil die Seite sonst nicht funktioniert. Anfangs kann es eine Weile dauern, bis man Fortschritt bemerkt, weil Twitter den API Zugriff sehr streng limitiert. Mehr dazu später.

Nach ca. 30 Minuten war TwitWipe fertig – dachte ich zumindest. Ein kurzer Blick auf mein Profil bestätigte mir, dass man keine alten Tweets mehr sehen kann und ich aufgefordert wurden, meinen “ersten” Tweet abzusetzen. Nur die Anzahl der Tweets war noch nicht aktualisiert.

TwitWipe Teil 2

Nicht nur meine alten Tweets wollte ich löschen, sondern auch meine Likes entfernen. Dazu bietet TwitWipe auch eine Option an.

Es konnten aber nur ca 3000 Likes entfernt werden und danach kam eine Fehlermeldung. Ab da habe ich angefangen die Twitter API zu verdächtigen.

Das Twitter API Problem

Die Twitter API lässt nur Zugriff auf die letzten 3200 Tweets zu. Somit können Apps wie TwitWipe auch nur 3200 Tweets löschen. Aber Moment! Bei mir hatte es doch funktioniert und es waren keine alten Tweets mehr zu sehen? Nach einer Weile kamen meine alten Tweets wieder zurück – zuerst alle Tweets mit Medien wie Bilder und Videos und dann auch alle anderen, die TwitWipe nicht erwischen konnte.

Auch zeigt Twitter nur die letzten 3200 Tweets im Profil an. Ältere Tweets können zwar noch über die Suche oder per Direktlink gefunden werden, aber wenn man nicht mehr weiß, was man damals geschrieben hat, dann gibt es auch keinen Weg, diesen Tweet zu finden.

Auch gibt es keine Möglichkeit, mehr als 3200 Likes wieder zu entfernen. Durch den Einsatz der Apps konnte ich mein “Like” zwar von allen Tweets entfernen, aber die Einträge blieben trotzdem in meiner Like-Liste. Wenn ich jetzt einen dieser Tweets erneut like, dann zählt es als +1. Die Entknüpfung hat also schon mal nicht richtig funktioniert.

Twitter sagt sogar selbst, dass seltsame Dinge passieren können, wenn man versucht, viele Tweets zu löschen.

So langsam beschlich mich der Verdacht, dass die Twitter API ziemlich kaputt ist. Im weiteren Verlauf wird dies erneut bestätigt.

TweetDelete

Jetzt hatte ich also meine Timeline ins Jahr 2016 zurückgesetzt und damit war alles schlimmer als vorher. Also habe ich einen weiteren Service ausprobiert, der auch Tweets und Likes löschen kann. TweetDelete sieht auch aus, als möchte es dir einen gefälschten Flashplayer andrehen, hat dafür aber auch noch eine weitere interessante Option. Man kann seinen Twitter Account mit diesem Dienst verknüpfen und einstellen, wie man regelmäßig ältere Tweets (z.B. alles was älter als 7 Tage ist) löschen möchte. Dafür hab ich mich nicht entschieden, aber TweetDelete bietet auch eine Option an, um alle* Tweets zu löschen.

TweetDelete hat sogar besser funktioniert als TwitWipe. Ich konnte meinen Tweets beim Löschen zusehen und auch die Zahl wurde immer kleiner.

Aber wie wir ja jetzt wissen, lässt auch hier die Twitter API nur einen begrenzten Zugriff zu. Also habe ich noch zu einem weiteren Dienst gegriffen.

Cardigan

Cardigan verfolgt einen ganz anderen Ansatz als die beiden anderen Dienste. Anstatt stumpf die Twitter API zu crawlen und an den Limits zu scheitern, trickst Cardigan Twitter sehr geschickt aus. Man kann bei Twitter sein Tweetarchiv (nicht zu verwechseln mit dem DSGVO Download) herunterladen. Darin sind (maschinenlesbar!) auch Links zu allen Tweets. Dieses Archiv läd man bei Cardigan hoch und so muss Cardigan nicht den Umweg über die Twitter API gehen. Cardigan hat es dann auch in mehreren Anläufen geschafft, fast alle meine Tweets zu löschen. Eigentlich sollte das Gleiche auch mit den Likes funktionieren, aber da ich mit TwitWipe die Verknüpfung wohl kaputt gemacht habe, lief hier auch Cardigan ins Leere.

Wo die letzten 45 Tweets herkommen sollen, weiß niemand. Nachdem ich habe das maschinenlesbare Script im Browser aufgeführt hatte, waren alle Links zu Tweets nicht mehr erreichbar. Vermutzlich hat der Zähler die vielen Versuche der Apps nicht vertragen.

Es gab auch noch eine weitere interessante Nebenwirkung:

Linus wohnt jetzt hier

Ich war also endlich am Ende der Aktion angelangt. Es gab zwar noch 45 Tweets auf der Uhr, die keiner finden konnte, aber egal. Likes API kaputt gemacht und die Liste lässt sich nicht leeren, auch egal. Eigentlich sollte mir doch kein Tweet mehr im Profil angezeigt werden, aber aus irgendeinem Grund hielt sich ein Retweet von einem Tweet von Linus Neumann (ein Hybridaccount) hartnäckig in meiner Timeline.

Diesen Tweet konnte ich nicht Ent-Retweeten oder löschen. Dieser Tweet sollte auch eigentlich gar nicht mehr existieren. Wenn man auf das Datum geklickt hat, um an den Direktlink heranzukommen, dann wurde man informiert, dass Linus den Tweet schon längst gelöscht hatte (wahrscheinlich, um ihn mit aktualisierten Link erneut zu posten, re: editbutton).

Ich hatte somit einen Tweet in meiner Timeline, den es gar nicht geben sollte. Von Linus gelöscht, von mir per API Call ent-retweeted und trotzdem war er da. Er hielt sich in meinem Profil auch über mehrere Wochen, bis er irgendwann einfach weg war!

Zwischenstand

Bis hierher hatte ich den größten Teil meines Wochenendes damit verbracht, mein Twitter Profil zu säubern und bin dabei auf alle möglichen und unmöglichen Probleme gestoßen. Die Twitter API ist auch noch Jahre, nachdem ich mich damit beschäftigt hatte, sehr limitiert und macht witzige Sachen, wenn man über die Limitierungen hinausgeht.

Wenn man schon mal da ist

Mein Profil war quasi bereinigt, also habe ich geschaut was es in meinem Account denn sonst noch für Informationen gibt, die weg können.

Find your friends

Jeder hat irgendwann mal den Fehler gemacht und Facebook Zugriff auf den GMX Account gegeben, um Freunde zu finden o.ä. Natürlich haben wir mittlerweile brav unseren Facebook Account gelöscht. Twitter hat mich zu meinen Android-Zeiten auch noch regelmäßig nach der Erlaubnis für den Zugriff aufs Telefonbuch gefragt. Irgendwann hab ich wohl mal versehentlich auf “Ja” gedrückt…

Diese hochgeladenen Kontakte habe ich alle löschen lassen. Zur Funktion

Standortinformationen von Tweets

Man kann zu Tweets auch Standortinformationen angeben. Die Tweets habe ich zwar gelöscht, aber dass muss sich ja nicht zwingend auch auf die Standortinformationen auswirken. Daher auch hier nochmal ein Klick. Zur Funktion

Personalisierte Werbung

Nicht nur Facebook verdient so sein Geld, sondern auch Twitter – behaupten sie zumindest. Seit dem IPO verlieren sie zwar jährlich Geld und teilen sich wohl den Finanzberater mit Jolla, aber die Daten sammeln sie trotzdem. Zur Funktion

Auch hier empfiehlt sich ein Klick auf den “Disable all” Button.

Aktive Sessions

Man kann alle Geräte, auf denen man eingeloggt ist, mit einem Klick abmelden. Dies sollte man natürlich machen, wenn man ein Gerät oder Standort in der Liste nicht kennt, aber es empfiehlt sich auch das regelmäßig zu machen, falls mal ein Gerät verliert oder nicht immer darauf Zugriff hat. Ich bin jedes mal selbst überrascht, mit wie vielen Geräten ich überall eingeloggt bin, obwohl ich diese Funktion regelmäßig nutze. Zur Funktion

Werbeprofil

Aufgrund meiner Tweets und anderen mitgeloggten Daten wurden mir 140 Interessen bescheinigt, was u.a. für personalisierte Werbung verwendet wird. Da wären wir auch gleich wieder beim Thema, warum Twitter damit so wenig Geld verdient. Zwar bin ich ein Zuschauer der Serie “The Blacklist”, aber so viel interessiere ich mich dafür auch wieder nicht, folge dem Cast nicht auf Twitter und habe auch nie darüber getweeted. Daher handelt es sich hier wohl um eine externe Quelle. Am schlimmsten ist: Ich habe nie Werbung für The Blacklist angezeigt bekommen. Also alle Haken wieder rausnehmen, da gibt es leider keinen “uncheck all” Button für; das muss man einzeln machen. Zur Funktion

Verbundene Apps

Dass sollte mittlerweile eigentlich jeder schon mal gehört haben: Prüft die Liste der Apps, die euren Account verwalten dürfen. Egal ob nur mit Lese- oder Schreibrechten. Wenn ihr euch nicht erinnern könnt, was die App macht, ihr nicht wisst dass ihr den Zugriff definitiv braucht, dann entfernt den Zugriff. Zur Funktion

Habt ihr auch Erfahrungen mit solchen Tools?

Blogger und Podcaster, Gründer von NerdZoom Media. Mag Linux, Apple und bereist gerne die Welt.

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