Interview mit Tanja Drca über Necunos NC_1

Auf der FOSDEM 2019 habe ich mich mit Tanja Drca zusammengesetzt und sie zum Necunos NC_1 interviewed.

Bevor wir zum Interview kommen möchte ich nur kurz anmerken, dass ich sehr skeptisch war, als ich von Necunos zum ersten Mal gehört habe. Es klang alles zu perfekt – ein Linux Smartphone aus dem Nichts das aus 100% Open Source Software besteht. Diese Zweifel konnte Tanja teilweise ausräumen.

Interview

Tanja Drca, CCO Necuno Solutions LTD

NerdZoom.de: Was ist Necuno?
Tanja Drca: Necuno Solutions LTD ist ein Unternehmen, das der mobilen Welt mehr Freiheit bringen will. Wir finden, dass der Mobile und Smartphone Sektor nicht auf dem gleichen Level wie normale Computer sind, was Freiheiten und Open Source angeht. Deshalb möchten wir eine gemeinsame Plattform bieten für Communities die Open Source Betriebssysteme entwickeln.
Necuno hat auch eine Business Seite in der wir Dienstleistungen für Kunden bereitstellen. Da wir auch selbst Mitglieder der FOSS Community sind wollten wir diese Plattform anbieten.

NerdZoom.de: Was ist eure Zielgruppe für das Necunos NC_1?
Tanja Drca: Derzeit richtet sich unser Gerät an Enthusiasten und Entwickler; der normale Kunde ist für uns zu weit weg da unser Gerät sich nicht mit Mainstream Smartphones misst. Wir sind der Meinung, dass moderne Smartphones schon so weit fortgeschritten sind, dass wir es weder für notwendig halten, noch die Möglichkeit hätten damit zu konkurrieren. Unser Produkt ist kein Smartphone und lässt sich nicht mit einem iPhone oder Android Phone vergleichen.
Natürlich ist unser ultimatives Ziel, den Massenmarkt zu erreichen aber zum jetzigen Zeitpunkt sind wir realistisch und versuchen erst mal unser FOSS Produkt auf den Markt zu bringen.

NerdZoom.de: Warum baut ihr das Gerät selber anstatt euch auf die Software für vorhandene Smartphones zu konzentrieren?
Tanja Drca: Wir haben in der Community die vergleichbaren Projekte gesehen; leider sind die meisten davon gescheitert. Wir haben uns anfangs nur auf die Software Entwicklung konzentriert. Ich selbst habe Software für Krankenhäuser geschrieben, die auf mobilen Geräten laufen sollte. Das Problem war allerdings, dass ich auf den gängigen Smartphones die notwendige Sicherheit nicht bereitstellen konnte. Nach vielen Versuchen kamen wir zu dem Schluss, dass wir nur mit selbst entwickelter Hardware das Level an Sicherheit bereitstellen können.

NerdZoom.de: Bleiben wir bei der Hardware. Warum benutzt ihr eine i.MX6 CPU die bereits über 6 Jahre alt ist?
Tanja Drca: Als wir das Projekt vor einigen Jahren gestartet haben, war die i.MX6 CPU die einzige Option die unseren Ansprüchen gerecht wurde und ist es auch noch bis heute. Die Plattform ist stabiler als bei i.MX8. Natürlich haben wir auch Alternativen erwogen, dennoch ist die i.MX6 weiterhin die präferierte CPU unserer Entwickler.

NerdZoom.de: Das Librem5 von Purism wollte Anfangs auch eine i.MX6 CPU verwenden, hat sich dann aber für i.MX8 entschieden weil es in i.MX6 einen Bug gibt der dazu führt, dass sehr viel Batterie verbraucht wird. Ist das Necunos NC_1 auch davon betroffen?
Tanja Drca: Wir haben uns natürlich informiert, Experten konsultiert und einiges selbst ausprobiert bevor die Produktion finalisiert wurde. Wir sind sehr zuversichtlich mit unserer Entscheidung. Über das Problem bei Purism bin ich nicht genau informiert, kann aber sagen, dass unser Gerät mit i.MX6 so funktioniert wie es sein soll und im März bereit zum Versand ist.

NerdZoom.de: Warum hat euer Gerät kein SIM Modul?
Tanja Drca: Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es kein Modem das 100% Open Source ist. Daher kam es aus Sicherheitsgründen für uns nicht in Frage. Außerdem möchten einige unserer Kunden lieber kein Modem verwenden.
Das Modem ist der schwächste Teil eines Smartphones wenn es um Sicherheit geht. Es ist Closed Source über die wir keine Kontrolle haben. Wir hoffen, dass es in Zukunft ein offenes Modul dafür gibt.
Wir planen auch bereits in der nächsten Version ein SIM Karten Modul optional anzubieten.

NerdZoom.de: Warum ist euer Produkt so viel teurer als z.B. das Librem 5? Euer Gerät kostet mehr als doppelt so viel wie das Phone von Purism.
Tanja Drca: Das hat mehrere Gründe. Wir haben keine Fabrik für die Massenproduktion, unsere Fertigung ist in Finnland, die Bestandteile kommen aus Europa, das Design und die Entwicklung haben viel Zeit und Aufwand in Anspruch genommen. Uns ist völlig klar, dass es um eine Menge Geld geht und wir hoffen in Zukunft ein Modell zu einem günstigeren Preis anbieten zu können. Zum jetzigen Zeitpunkt ist dieser hohe Preis die einzige Option damit wir das Produkt anbieten können.

NerdZoom.de: Ihr habt auch ein Angebot für Unternehmen. Was ist hierbei der Unterschied zur Community Version?
Tanja Drca: Unsere Kunden sind im Gesundheitswesen bis hin zur Automobilindustrie tätig. Diese Kunden haben alle unterschiedliche Anforderungen. Ein gemeinsames Problem ist immer, dass sie keine Smartphones verwenden möchten aber trotzdem mobile Geräte brauchen. Deshalb möchten wir ihnen die sichersten Methoden anbieten.
Unser neustes geplantes Projekt ist eine Plattform für Journalisten, die es ermöglicht, dass sie sicher mit Quellen und Whistleblowern zusammen arbeiten können, ohne Angst haben zu müssen, überwacht zu werden.

NerdZoom.de: Und wie soll das funktionieren? Stattet ihr die Geräte mit sicheren Messengers wie Signal aus oder was macht dieses Angebot sicherer als die Community Variante?
Tanja Drca: Die Sicherheit kommt hauptsächlich daher, dass unsere Plattform 100% Open Source und frei ist. Das Messaging wird automatisch verschlüsselt. Es ist so aufgebaut, dass es automatisch so sicher wie möglich ist, weil auch Journalisten keine Experten auf diesem Gebiet sind und es so einfach und sicher wie möglich haben sollen.

NerdZoom.de: Wo kann man zu eurem Projekt beitragen? Ich habe auf eurer Webseite gelesen dass ihr alles 100% Open Source machen wollt und trotzdem konnte ich keinen einzigen Link zu GitHub o.ä. finden.
Tanja Drca: Wir arbeiten mit einigen Free und Open Source Software Projekten zusammen. Wir hoffen, dass Leute, die beitragen möchten, sich mit diesen Projekten in Verbindung setzen. In einigen Wochen werden wir unseren Source Code veröffentlichen und auch eine Plattform bauen auf der Entwickler dann zusammen arbeiten und sich organisieren können.

NerdZoom.de: Ihr wollt die Geräte schon im März ausliefern, ihr seit zuversichtlich dass eure Hardware bereit ist und die Community anfangen kann beizutragen. Ich habe schon einige Projekte gesehen, die fast das gleiche wie ihr versprochen habt. Diese Projekte kamen wie ihr auch, aus dem nichts und haben plötzlich ein fertiges Produkt zum Kauf angeboten. Meiner Meinung nach ist sowas mit jahrelanger Arbeit verbunden, die auch nicht unbemerkt bleiben kann, weil sie auf die Hilfe der Community angewiesen ist. Kannst du erklären wie das Necuno komplett aus dem Nichts aufgetaucht ist und schon sehr bald anfangen will Geräte auszuliefern?
Tanja Drca: Ich bin tatsächlich sehr froh, dass du das ansprichst. Meine Kollegen, die in der FOSS Community aktiv sind, verstehen auch, dass es sehr leicht nach Betrug aussehen kann. Wir haben uns dazu entschieden unsere Arbeit nicht öffentlich zu machen, keine Crowdfunding Aktion, keine Ankündigung bis wir ein vorzeigbares Ergebnis haben. Wir starten den Versand im März, die Geräte sind bereit. Wir hatten eine kleine Verzögerung wegen Problemen mit dem Display.

Das war das Interview was ich mit Tanja Drca auf der FOSDEM geführt habe.

Ich bleibe weiterhin skeptisch. Das Projekt scheint es wirklich zu geben aber meine Zweifel werden wohl erst ausgeräumt sein wenn die ersten Käufer ihre Geräte in den Händen halten. Mir ist auch aufgefallen wie Tanja bewusst den Begriff “Smartphone” vermieden hat. Ein Gerät mit dem man nicht telefonieren kann, “Smartphone” zu nennen, wäre auch etwas schwierig.

Auch Open Source Software automatisch als sicher zu erachten, ist gefährlich. Ich denke, dass hier einige gute Ideen vorhanden sind, allerdings kann ich von der Ausführung noch nichts sehen. Das Gerät auf den Bildern fühlte sich sehr leicht an und ich denke ich habe da eine leere Box fotografiert. Auch auf Nachfrage durfte ich das Gerät nicht öffnen. Es muss sich noch zeigen wieviel Necuno tatsächlich liefern kann.

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  1. Schönes Interview, Marius. Wie darin angesprochen, halte ich den Hype, der im Vorfeld entsteht, für überflüssig, wenn nicht sogar schädlich. Es werden (zu) hohe Erwartungen geschürt, die nicht erfüllt werden können.

    Solange der Fisch nicht auf dem Tisch liegt, kann man nicht sagen ob er stinkt oder schmeckt. Auf jeden Fall sind solche Projekte zu begrüssen und ich wünsche dem Team, dass sie demnächst ein Produkt zum Testen bereitstellen können. Ich verliere die Hoffnung nicht, irgendwann einmal ein FLOSS-Phone in den Händen zu halten.

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