ElementaryOS Juno Review

Kein Geld für mac OS? Unser Michal Kohútek hat Elementary OS 5.0 Juno ausprobiert und berichtet über seine Erfahrungen damit. Wie immer übersetzt von André Hahn

Ich habe lange über die richtigen Worte nachgedacht, um dieses Review zu beginnen. Es war schon lange in Arbeit, man könnte sagen seit dem ersten Mal, als ich von dieser Distro gehört habe. In Anbetracht dessen entschied ich mich, dass der beste Weg, zu beginnen, der erste Blick auf diese unvollkommene Schönheit sein würde. Es ist allerdings eine merkwürdige Sache, denn obwohl ich das MacOS Look-and-Feel nicht wirklich mag, finde ich die ElementaryOS UX sehr ansprechend. Das sogar so sehr, dass ich dem OS einige Mängel verziehen habe, die mich sonst vielleicht mehr gestört hätten.

Installation

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass die Installation eine normale, schmerzfreie Angelegenheit war, aber aus irgendeinem Grund unterstützt ElementaryOS immer noch kein Upgrade zwischen den Hauptversionen. Ich war ungeduldig und habe die Vorgängerversion Loki ein paar Wochen vor Junos Veröffentlichung installiert. Danach war ich gezwungen, eine komplette Neuinstallation durchzuführen, um alle neuen Goodies aus der Distro mitzunehmen. Das mag die meisten Benutzer nicht stören, da der Veröffentlichungszeitplan langsamer ist als ich es gewohnt bin und jede Version grundsätzlich ein LTS ist. Dennoch muss man dies als Fehler betrachten, wenn selbst Microsoft einen Weg gefunden hat, seine Haupt-Betriebssystem-Versionen einigermaßen zuverlässig zu aktualisieren. Nach der Installation wurde ich von einem schönen Desktop und einem schlichten Angebot an vorinstallierten Anwendungen begrüßt. Ich mag es, dass es nicht von einer Menge Bloatware gestört wird, aber ich erwarte, dass zumindest eine Office-Suite in der Distro vorinstalliert ist. Es hätte vielleicht nicht so sehr wehgetan, doch mein erster Einsatz von ElementaryOS war auf meiner morgendlichen Zugfahrt zur Universität. Als ich mich entschied, meine Präsentation aufzupolieren, fand ich heraus, dass ich teure Megabyte des Datenplans meines Mobilfunkanbieters opfern müsste, um die erforderlichen LibreOffice Pakete zu installieren. Ansonsten war die Installation der App ziemlich einfach, da ElementaryOS den Paketmanager und die Repositories mit Canonicals Ubuntu teilt… Das heißt, wenn du nichts brauchst, was nicht da drin ist. Es gibt standardmäßig keine Unterstützung für Snaps oder PPAs und entsprechend ist es erforderlich, diese erst selbst einzurichten. Ich kann verstehen, dass man nicht möchte, dass Benutzer alles Mögliche installieren, was sie online finden, aber ich denke wirklich, dass eine Distribution auf Basis von Ubuntu 18.04 mit vorinstalliertem Snapd kommen sollte. Wenn man sich dafür entscheidet, die vom ElementaryOS-Team definierten Grenzen einzuhalten, kann man seine Softwarebedürfnisse durch das Angebot des eigenen AppCenters befriedigen lassen. Neben den üblichen Anwendungen bietet es eine Vielzahl von Anwendungen, die speziell für ElementaryOS erstellt wurden. Ich muss sagen, dass abgesehen von einigen faulen Kopien bekannter Anwendungen die meisten, die ich ausprobiert habe, ziemlich nett sind und sich sehr gut in den Rest der Benutzererfahrung einfügen.

Standard-Apps

Einer der interessanteren Aspekte von ElementaryOS ist die eigene Sammlung von Apps. Diese sind sehr ausgefeilt und obwohl vielleicht ein oder zwei Funktionen fehlen, macht ihr insgesamt gut durchdachtes Design Freude. Das heißt, wenn sie funktionieren. Ich hatte Schwierigkeiten mit dem Standard-Mail-Client mit ständigen Abstürzen und Problemen beim Öffnen meiner Nachrichten.

Epiphany, der Standard-Webbrowser, ist fähig, kann aber Firefox in meinem Workflow nicht vollständig ersetzen, ohne meine Produktivität zu beeinträchtigen. Andere waren jedoch viel besser, und ich werde sie vermissen, wenn ich zu einer anderen Distribution von meiner Bucket List übergehe. Eine einfache Funktion, die auch Nicht-Linux-Fans wirklich beeindruckte, waren die Schnelleinstellungen der Farbpalette in zwei meiner am häufigsten verwendeten Anwendungen, Code und Terminal.

Ich habe die Standard-Musik-App überhaupt nicht benutzt, da ich meine Musikbibliothek nicht auf meinem Laptop herumschleppe und mich stattdessen auf Spotify verlasse.

Benutzererfahrung

Es gibt einen Hauptgrund, weshalb man ElementaryOS gegenüber jeder anderen Distribution bevorzugen könnte. Die Desktop-Umgebung Pantheon, die viele als MacOS-ähnlich bezeichnen würden, verbirgt mehr überlegtes Design als jede andere DE, die ich kenne. So ziemlich jedes Fenster und jede Benachrichtigung sieht aus, als wäre sie in Handarbeit gefertigt worden, um professionell und schön auszusehen. Pantheon ist jedoch in seiner Anpassbarkeit etwas eingeschränkt. In mancher Hinsicht ist es noch mehr eingeschränkt als die oft genannte Inspirationsquelle. Zum einen ist die Position des Launcher-Panels am unteren Bildschirmrand gesperrt. Man kann das ärgerliche Standardverhalten der Files App, alle Ordner und Dateien mit einem einzigen Klick zu öffnen, nicht deaktivieren. Das Setzen der Standard-Terminalshell ist im Standard-Terminalemulator auch nicht möglich, da man neben der Auswahl der dunklen Variante des Standard-Themas nicht viel gegen das Aussehen des Betriebssystems tun kann, und selbst das erfordert, dass man über Hürden springt und die Tweaks-App installiert.

Ich akzeptiere jedoch all diese Einschränkungen, da ich ElementaryOS nicht als eine Distribution sehe, die sich an Tüftler und Kontrollfreaks richtet. Es ist eine Distro, die ich Linux-Einsteigern ohne zögern empfehlen würde und bei der ich mir keine allzu großen Sorgen machen würde, dass sie sich damit selbst in den Fuß schießen.

Eine Sache, die mir im Einstellungsmenü sehr fehlt, sind die Treiber. Ich denke nicht, dass es der benutzerfreundlichste Ansatz ist, neue Benutzer zu zwingen, GPU-Treiber im Terminal zu installieren.
Andere Besonderheiten, die ich gefunden habe:
– keine Systemüberwachung
– die Passwort-Länge wird im Terminal angezeigt
– Warnungen beim Einfügen von Text in das Terminal
– nicht standardgemäße Tastaturkürzel.

Technische Schwierigkeiten

Abgesehen von den Problemen mit dem Standard-Mailprogramm und meinem ständigen Kampf mit den NVidia- und WiFi-Treibern habe ich in dieser Version nur einen eklatanten technischen Fehler festgestellt. Das Problem ist die Unmöglichkeit, einen sekundären Bildschirm über dem primären zu verwenden. Da das Top-Panel die Fenster beim Hochziehen stoppt war mein gewohnter Schreibtischaufbau für mich nutzlos.

Fazit

Ich hatte nicht erwartet, dass ich ElementaryOS auch nur annähernd so sehr mögen würde wie ich es tue. Es kommt von allen Distros in der Linux-Welt dem professionellen, geschliffenen Desktop am nächsten. Dieser Feinschliff bringt jedoch einige Einschränkungen mit sich, weshalb es sich weniger nach Linux anfühlt. Das mag für manche kein Nachteil sein, aber ich bevorzuge mehr Freiheit, auch wenn es bedeutet, mit einigen Ecken und Kanten klar kommen zu müssen. Alles in allem ist ElementaryOS Juno eine großartige Version und ich kann es kaum erwarten zu sehen, was das Team in Zukunft noch erreichen kann.

Pro

  • Pantheon ist unglaublich ausgefeilt und sieht fantastisch aus
  • ElementaryOS-Apps sehen fantastisch aus und stecken voller toller Ideen
  • das AppCentre unterstützt Linux-Entwickler, indem es eine interessante Möglichkeit bietet, die Plattform zu monetarisieren
  • es ist sehr nah dran, völlig narrensicher zu sein

Contra

  • einige nützliche Anwendungen von Drittanbietern erfordern einen etwas höheren Installationsaufwand
  • es fehlt an Anpassungsfähigkeit und einigen Grundeinstellungen
  • kein Upgrade auf die nächste Hauptversion möglich

Dieser Artikel erschien auch auf Michal’s Blog und wurde von André Hahn übersetzt.

Ein ewiger Computer Science Student mit einer Leidenschaft für Open Source Evangelismus. Bringt seit 2007 Menschen zu GNU / Linux.

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  1. Detlef

    Hallo,

    Schöner Bericht, er spiegelt meine eigenen Erfahrungen mit diesem OS wieder. Mal von den Dingen wie nicht wirklich funktionstüchtigen E-Mail Programms oder des eher dürftigen Browser, was mich am meisten stört, da es doch einem Mac-OS nahe kommen soll, ist ein fehlendes Fenstermenü im Panel, dann könnte man sich mit ein wenig Aufwand, über das Terminal die fehlenden Programme installieren, und da sind wir schon beim nächsten Problem, das App-Center, das geht bei mir gar nicht, gut, da könnte nam sich auch synaptic über das Terminal aufspielen, das zumindest geht. Dann könnte man sich auch die Apps installieren, die man nicht im Kopf parat hat. Aber so ist es nun mal, schön sein alleine reicht eben nicht. 🙂

    • Michal Kohútek

      Hallo! Ich freue mich, dass Ihnen meine Rezension gefallen hat. Ich muss sagen, dass ich mit Elementary bessere Erfahrungen gemacht habe als mit anderen Distros, die ich kürzlich verwendet habe. Allerdings stimme ich zu, dass es einige Probleme gibt, obwohl ich auch einige Probleme mit MacOS finden kann und einige Dinge wie die großartigen Apps Code und Terminal dafür sorgen. Insgesamt ist es eine großartige Distribution und ich kann es kaum erwarten zu sehen, was sich in den nachfolgenden Releases verbessert.

      Michal

      ————————————

      Hey there! Glad you liked my review. I must say, that I’ve had better experience with Elementary than I had with other distros I recently used. That being said, I agree there are some issues, although I can find some problems with MacOS as well and some things like the great apps Code and Terminal make up for it. Overall, it is a great distro and I can’t wait to see what they improve in subsequent releases.

      Michal

  2. Detlef

    Hallo Michal Kohútek,

    sicherlich wird sich Elementary-OS noch weiter entwickeln, es ist ja auch noch ein sehr junges System, wobei der Ansatz schon mal da ist, und wahrscheinlich werde ich es auch beobachten, was daraus noch entsteht, zu Mac-OS habe ich keine persönliche Erfahrung, ich weiß halt nur, das die eine Globale Menüleiste haben, die ich unter Xubuntu auch mit installation eines Paketes zur Verfügung habe. Aber bei mir ist es so, das ich zu Linux gewechselt habe, wo diese noch lange nicht so konfortabel zu installieren waren, wie es heute in der Regel möglich ist. Von daher fehlt mir bei Elementary-OS halt die Möglichkeit, etwas am Desktop an meine bedürfnisse anpassen zu können. Aber wer heute mit Linux in Kontakt kommt, der ist natürlich froh, das es nicht mehr schwerer ist, als eine Windows-Installation, eher im Gegenteil.

  3. Norbert

    Schöner Bericht über Fehler die in den Systemen überall auftauchen. Hier laufen Apple OS, WIN10 und mehrere, verschiedene Linux. Auf dem Weg dahin fielen die Angebote hinten runter die die Zusammenarbeit, die updates blockieren oder so Techniken wie scannen etc. ganz aufs Mittelalter aufsetzen. Ich denke das das von Ihnen beschriebene Angebot noch besser wird. Was ich heute täglich nutze, war vor Jahren noch reine Bastelarbeit. Obwohl die bezahlbare Technik i5 mit 4 Kernen überall gleich ist, gehen die Maschinen und Systeme verschieden damit um. Während Lenovo und DELL keine Probleme machen egal mit was, will der Apple mit Sie angesprochen werden. Doch wenn er dann mal läuft…darf er auch linuxen, hat ja auch noch den intel i5.

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