Testbericht: Oculus Quest VR Headset

Vor etwa einem Jahr schrieb ich eine schwärmerische Rezension, in der ich Facebook (ausgerechnet Facebook!) dafür lobte, dass es das geliefert hat, was ich für das beste portable VR-Einführungserlebnis seinerzeit hielt. Die Oculus Go ist immer noch ein großartiges Gerät zum Medienkonsum, ideal zum Anschauen lokaler Videos, Streaming von Netflix und Spielen einfacher 3DoF-Spiele. Mit der Sideloading-Community wuchsen ihre Fähigkeiten sogar darüber hinaus, mit einer umfangreichen Bibliothek an GearVR- und normalen Android-Spielen. Man kann sogar seinen Windows-Desktop mit Spielen streamen, um eine sitzende VR-Erfahrung zu erhalten. Ich habe mich nie daran beteiligt, da ich ein begeisterter GNU/Linux-Benutzer bin und diese Art von Streaming-Anwendungen nicht mit meinem bevorzugten Desktop-Betriebssystem funktionieren.

Wie bereits gesagt, ist die Oculus Go (und ihre 3DoF-Konkurrenten) ideal für Mediennutzung, 360°-Erlebnisse und einfaches Spielen. Der Unterschied zwischen einem 3DoF (3 Degrees of Freedom) Headset und den 6DoF Gegenstücken besteht darin, dass man bei 3DoF gezwungen ist, an einem Ort zu stehen/sitzen. Man kann sich an Ort und Stelle drehen, auf- und abschauen und den Kopf neigen, aber man kann sich nicht im Raum bewegen. Der Controller funktioniert meist wie ein Laserpointer, der auf den gleichen Bewegungsumfang wie man selbst beschränkt ist. Der Unterschied zwischen der Verwendung der Oculus Go und der Oculus Quest ist als wäre man tetraplegisch, verglichen mit der vollen Kontrolle über den eigenen Körper. Zugegeben, das Gerät ist deutlich teurer (ca. 450€ für die 64GB-Version, ca. 550€ für die 128GB-Version), aber der Unterschied in der Handhabung ist so unglaublich groß, dass ich bereit wäre, noch mehr dafür zu bezahlen.

Die Spiele für die Quest sind viel näher am Umfang und an den Fähigkeiten der “richtigen” PC-VR-Plattformen, denn viele der meistverkauften Spiele auf der Quest sind direkte Ports von Oculus Rift oder Playstation VR. Das geht sogar so weit, dass einige Spiele Cross-Buy mit der Rift und einige sogar Cross-Play mit anderen Plattformen ermöglichen. Ein PS4-Spiel, wie etwa Creed: Rise to Glory, auf einem Snapdragon 835 zu haben, wenn auch mit abgespeckter Grafik, ist einfach großartig. Besonders wenn man bedenkt, dass sowohl das Tracking von Headset als auch Controllern viel besser ist und man die volle Bewegungsfreiheit hat. Ich werde mir nicht die Mühe machen, viel auf die Spezifikationen einzugehen, da sie sich nicht wirklich repräsentativ für das Gerät anfühlen – wenn man bedenkt, dass der SoC aus dem Jahr 2017 stammt und gleichzeitig eine hervorragende Leistung liefert. Aber der Bildschirm, die Optiken und die Displays sind sehr gut: je ein quadratischer 1440p @ 72Hz OLED-Bildschirm für jedes Auge. Die Lautsprecher sind auf Augenhöhe mit der Oculus Go und die Batterie hält 2-3 Stunden Spielzeit durch, was ich für angemessen halte. Nachdem das nun geklärt ist, kommen wir zur Sache!

Hardware

Das Gerät selbst ist sehr gut gebaut, mit einem angenehmen, griffigen Stoff-Finish. Das Stirnband ist intuitiv nutzbar und hält gut auf meinem Kopf, auch wenn das variieren kann. In meinem Gerät ist etwas lose im Inneren, das manchmal klappert, aber da es die Nutzung in den fast 3 Monaten meiner Nutzung nicht beeinträchtigt hat und der Oculus-Support mir sagte, ich solle mir keine Sorgen machen, werde ich deswegen keine Punkte abziehen. Zum Aufbau des Geräts: Auf der rechten Seite befindet sich ein Power-Button, auf der Unterseite befinden sich eine Lautstärkewippe und ein Schieberegler für den Pupillenabstand und an jeder der vier Ecken der Stirnplatte befindet sich eine Infrarot-Weitwinkelkamera zur Überwachung der Umgebung und der Controller. Interessanterweise gibt es auf beiden Seiten des Geräts je eine 3,5-mm-Stereo-Klinkenbuchse, die für die originalen Oculus-Kopfhörer vorgesehen sind, aber man kann jedes alte Paar Kopfhörer/Ohrhörer verwenden und das Kabel einfach so binden, dass es einen nicht stört. Die offiziellen Oculus-Ohrstöpsel werden einzeln in je eine der beiden Buchsen eingesteckt und ihre Kabel sind gerade lang genug, um die Ohren zu erreichen, ohne zu stören. Alles zum günstigen Preis von 50 Dollar.

Die Controller sind kleiner als die für Rift oder Rift S, passen aber perfekt in meine – nicht männertypisch – kleinen Hände. Holzfäller und Oger mögen hier ein Problem haben, aber Frauen, Kinder und IT-Nerds werden glücklich sein. Die Tracking-Ringe der Controller trafen manchmal mein Headset, wenn ich Creed spielte, aber wie ich mit mehreren Wandschlägen (ok, eher -kratzern) getestet habe, sind die Controller ziemlich robust. Es gab ein oder zwei Kratzer an den Tracking-Ringen, aber es scheint keinen Einfluss auf deren Funktion zu haben. Das Einzige, was ich nicht mag, sind die Gurte, die notwendig sind, um die Controller an den Handgelenken zu befestigen. Während der spannenderen Teile der Beat-Saber-Sessions haben sie sich immer wieder gelockert.

Software

Der wohl wichtigere und spannendere Teil des Gesamtpakets ist die Software. Es ist die gleiche oculus-eigene Android-Distribution wie bei der Oculus Go, wenn auch mit sehr geringen Unterschieden. Aus irgendeinem Grund gibt es keine alternativen Umgebungen, so dass man mit dem virtuellen Wohnzimmer von Oculus festsitzt.

Benutzeroberfläche der Oculus Quest

Ein zusätzliches Feature ist die Möglichkeit, zwischen einem stationären und einem raumbezogenen Modus zu wählen, wobei letzterer erfordert, dass man einen Schutzbereich einrichtet. Der Schutzbereich ist ein benutzerdefinierter Bereich, in dem man sich im virtuellen Raum frei bewegen kann. Wenn man sich den Grenzen dieses Raumes nähert, wird das Gitter sichtbar, um zu warnen, dass man nicht weitergehen sollte. Man kann sogar durch diese Barriere hindurchschauen und die echte Welt in Schwarz-Weiß sehen, was ein cooles Gefühl ist. Ehrlich gesagt möchte ich, dass die Quest Controller die Fähigkeit erhalten, wie eine Taschenlampe durch den VR-Raum zu leuchten, damit man einen kleinen Kegel der realen Welt sehen kann, um zu überprüfen, ob jemand in der Nähe ist, oder um ein Bier vom Tisch zu nehmen.

Beim ersten Start der Quest wird man von einem sehr schön gestalteten Tutorial begrüßt, das aus unerfindlichen Gründen eine Internetverbindung erfordert. Das Tutorial zeigt wie man den Schutzbereich einrichtet und erklärt dann, wie man die Controller benutzt, um die VR-Hände zu simulieren. Ich muss Oculus applaudieren, denn das Tutorial macht Spaß, ist sehr einfach zu verstehen und ist in viele Sprachen übersetzt, darunter auch Tschechisch. Nachdem du mit einigen von ihnen gespielt hast. Nachdem man mit einigen Würfeln und einem RC-Zeppelin gespielt, mit einem Roboter getanzt und einige fliegende Polygone abgeschossen hat, kann man eine Reihe von Demos herunterladen und ausprobieren, darunter Beat Saber, Creed und Space Pirate Trainer. Wie bei der Oculus Go kann man im Oculus Store weitere Apps kaufen und installieren, im integrierten Browser im Internet surfen, mit seinen VR-Freunden chatten, Screenshots machen, Videos aufnehmen etc.

Das Ökosystem

Dies hier ist das größte Kapital der Oculus Quest. Schon bei der Markteinführung gab es eine Auswahl an fantastischen Spielen zu kaufen – Beat Saber, das beliebteste VR-Spiel aller Zeiten auf jeder Plattform, Creed – ein ordentliches, wenn auch arcadiges Boxspiel, Superhot – einen großartigen Puzzle-Egoshooter, Robo Recall – ein weiterer VR-Klassiker-Egoshooter – und viele mehr. Mit jeder Woche wächst die Spielebibliothek mit neuen Titeln und portierten Rift-Allstars weiter. Allerdings durchläuft jedes einzelne Spiel im Oculus Store eine rigorose Evaluierung, wobei viele beliebte und geschätzte Spiele den Sprung nicht schaffen, zumindest nicht sofort. Glücklicherweise ist es für Android-Geräte sehr einfach, Apps, die als .apk-Dateien gepackt sind, per Sideloading auf die Quest zu bringen, was die Community auf ein extremes Niveau gebracht hat. Man kann die SideQuest App für Windows, Mac oder Linux herunterladen und damit kommt man mit diesem kleinen Kopfkino-Wunder wirklich auf seine Kosten. Mit SideQuest kann man Beat Saber von der Community gemapte Songs hinzufügen, die Quest massiv modden, bisher nicht genehmigte VR-Spiele und -Apps und sogar normale Android-Apps installieren und die versteckten Einstellungen des Headsets anpassen. Das Beste daran ist, dass die App all die schwierigen Dinge im Hintergrund erledigt und Links zu tollen Tutorials enthält, wenn man Hilfe benötigt, um sie zum Laufen zu bringen. SideQuest ist ein Muss und ich werde später darauf zurückkommen, mit einem eigenen Post.

Fazit

Obwohl der Preis für ein dediziertes VR-Gaming-Gerät hoch erscheinen mag, ist er es wirklich nicht. Die Technologie, die in dem Gerät steckt, ist beeindruckend, sorgt für ein großartiges Erlebnis und klatscht die anderen eigenständigen mobilen VR-Headsets an die Wand. Darüberhinaus ist der eigentliche Star der Show die Kombination aus den Software-Ökosystem und der Community. Es zeigt sich hier wirklich, was die Kombination aus einem kuratierten, offiziellen App-Store und der Freiheit, per Sideloading Apps und Mods zu installieren, im Sinne einer großartigen Benutzererfahrung leisten kann. Ich bin auf weniger Fehler gestoßen als bei der Go, das Tracking ist großartig, wenn man die technischen Grenzen bedenkt und die unglaublich kurze Zeit, die man zum Eintauchen in die virtuelle Realität benötigt, bringt mich dazu, es täglich zu nutzen. Seit ich meine Quest habe, sammelt die Go Staub, obwohl ich immer noch eine umfangreiche Spielebibliothek habe, die ich noch nicht durchgearbeitet habe. Ich kann die Oculus Quest wirklich jedem empfehlen, der auch nur im Entferntesten an VR interessiert ist.

Dieser Artikel erschien auch auf Michal’s Blog und wurde von André Hahn übersetzt.

Ein ewiger Computer Science Student mit einer Leidenschaft für Open Source Evangelismus. Bringt seit 2007 Menschen zu GNU / Linux. Professioneller Software Pfuscher

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