Ubuntu 20.04 Mega-Testbericht

Als jemand, der in den letzten 13 Jahren immer Ubuntu in seinem Alltag hatte, fällt es mir manchmal schwer, zwischen all den Versionen zu unterscheiden. Dennoch schätze ich die Fortschritte, die Ubuntu macht, auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, dass die Richtung, die Ubuntu eingeschlagen hat, mich früher oder später dazu zwingen würde, es zu verlassen. In letzter Zeit habe ich jedoch den besseren Feinschliff und die Geschwindigkeitsverbesserungen von Gnome 3.36 genossen, seine “raison d’être” verstanden und hatte die Gelegenheit, an einem von Canonical veranstalteten Webinar für die Presse teilzunehmen, um einige Fragen zu stellen.

Trotzdem glaube ich nicht, dass es so viel über Ubuntu an sich, so wie es heute ist, zu sagen gibt, ohne auf langweilige Listen von Veränderungen und ein paar Einblicke hier und da zurückzugreifen. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, auf meine übliche Rezeptur für Distro-Rezensionen zu verzichten. Stattdessen nutze ich diese Gelegenheit, um einen Blick auf alle offiziellen Versionen von Ubuntu zu werfen, ihre Stärken und Schwächen zu vergleichen und mir wahrscheinlich viele von ihnen zum Feind zu machen.

Lubuntu 20.04

Schon eine ganze Weile wollte ich mir Lubuntu mal genauer ansehen, aber wegen der Umstellung von LXDE auf LXQt habe ich bis jetzt damit gewartet, es einmal richtig auszuprobieren. Ich muss zugeben, dass ich seinen Zweck nicht wirklich verstehe, auch wenn ich weiß, dass es DIE Ubuntu-Variante für leistungsschwache und alte Computer sein soll. Aber wer genau hat eine 64-Bit-Maschine, die nicht leistungsstark genug ist, um beispielsweise Ubuntu MATE zu betreiben? Selbst Single-Board-Computer wie ein Raspberry Pi verfügen über ein paar Gigabyte RAM und CPUs, die einige meiner älteren PCs in den Schatten stellen würden.

Merkwürdig finde ich, dass die Systemüberwachungsapplikation die falschen Einheiten verwendet. Tatsächlich verwende ich keine seltene Version des Lenovo X1 Carbon, die mit nur 1 GB RAM (8 Mb = 1 MB) ausgestattet ist. Dennoch ist diese Speicherverwendung nur ~150MB weniger als die von Ubuntu MATE, einer zweifellos viel funktionsreicheren Distribution.

Benutzer älterer Versionen sind möglicherweise ziemlich schockiert über die Vielzahl an Änderungen in der Anwendungsauswahl und auch über die Tatsache, dass sie nicht von älteren LTS-Versionen auf Lubuntu 20.04 upgraden können. Das ist beides auf den Wechsel vom GTK-basierten LXDE zum QT-basierten LXQt zurückzuführen. In gewisser Weise hat Lubuntu jetzt mehr mit Kubuntu gemeinsam als mit Xubuntu oder Ubuntu MATE. Ein sicheres Zeichen dafür ist die Integration der Anwendung Discover – KDEs Software Center. Discover hatte früher den Ruf, ein langsames und fehleranfälliges Schlamassel zu sein, aber es wurde in letzter Zeit etwas überarbeitet und ist heute viel benutzerfreundlicher.

Abgesehen von Discover enthält Lubuntu auch einen Synaptic-Doppelgänger namens Muon. Ich sehe keinen wirklichen Zweck in einem solchen Paketmanager und denke, wenn man zu fortgeschritten ist, um sich mit Discover oder Gnome-Software zu beschäftigen, ist man wahrscheinlich auch erfahren genug mit dem Terminal, um die Paketinstallationen dort durchzuführen.

Das Hauptproblem, das ich mit Lubuntu (und bis zu einem gewissen Grad auch mit Xubuntu) habe, ist, dass sich der Desktop wie eine Sammlung einzelner Programme anfühlt und verhält, und nicht wie eine einheitliche Benutzererfahrung. Man stelle sich einen Umsteiger von macOS vor, der versucht, das Hintergrundbild des Desktops zu ändern und dann diese Abscheulichkeit von Desktop-Einstellungen vorfindet:

Als ich versuchte, diese Screenshots zu machen, ergab sich ein weiteres Ärgernis: Es waren gar keine Tastaturkürzel für die Bildschirmfoto-App zugewiesen, weshalb ich sie manuell im Global Action Manager hinzufügen musste.

Über die mangelnde Liebe zum Detail könnte ich mich immer wieder beschweren, muss aber sagen, dass es auch ein gutes Detail gibt: Ein 2048-Spiel ist standardmäßig vorinstalliert. Ich will nicht sagen, dass es ein Klon ist, denn eigentlich ist selbst 2048 schon ein lustloser Cashgrab-Klon des charmanten Spiels Threes. Aber es ist trotzdem viel besser als die meisten anderen langweiligen Standardspiele.

Eine Sache, die irgendwie meine Aufmerksamkeit erregt hat, ist die Integration von Trojitá, einem E-Mail-Client des tschechischen Programmierers Jan Kundrát, das ich bislang noch nicht ausprobiert habe, da ich ziemlich in meinem Thunderbird-Workflow gefangen bin und nicht in der Stimmung war, 8 E-Mail-Konten in einen neuen E-Mail-Client zu migrieren.

Xubuntu 20.04

Da ich erst vor kurzem einen Testbericht darüber verfasst habe, werde ich nicht viel Zeit damit verbringen, über Xubuntu zu sprechen, und im Vergleich zu den Entwicklungszeiten von XFCE selbst die Standardlänge eines LTS-Support-Zyklus ein kaum wahrnehmbarer Wimpernschlag ist. So ziemlich alle meine Punkte bezüglich Lubuntu sind auch hier gültig. Die RAM-Auslastung unmittelbar nach dem Booten ist ~ 50-100 MB höher, was sich angesichts der etwas freundlicheren Benutzererfahrung annähernd richtig anfühlt.

Die einzige Neuerung, die es wert ist, erwähnt zu werden, ist das neue dunkle Design, und obwohl ich mich freue, dass Benutzer, die ein wenig elegante Finsternis genießen, diese Option nun standardmäßig haben, funktioniert sie für mich mit dem grauen Farbverlauf in der oberen Leiste nicht wirklich.

Ubuntu MATE 20.04

Wie bereits in meinem früheren Ubuntu MATE-Testbericht erwähnt, habe ich eine Schwäche für diesen Ubuntu-Flavour mit Teebezug. Es mag durchaus der Nostalgiefaktor sein, aber immer, wenn ich Ubuntu MATE sehe, ruft es in meinem Herzen warme Gefühle hervor. In der Vergangenheit wurden diese Gefühle jedoch durch häufige Abstürze von Brisk Menu und andere lästige Fehler getrübt. Glücklicherweise scheint es, als seien diese behoben worden, und Ubuntu MATE erreicht nun ein Niveau, auf welchem ich es leicht einem Benutzer empfehlen kann, der entweder einen vollständigen Desktop auf einem Gerät wie dem Raspberry Pi betreiben möchte oder der freiwillig in einer Gnome 2-Vergangenheit stecken geblieben ist. Das soll aber nicht heißen, dass das kein triftiger Grund ist, denn dieses Desktop-Paradigma hat bis heute seine Vorzüge, und MATE-Desktop bietet und erweitert diese Metapher, während es gleichzeitig den Speicherverbrauch im Zaum hält.

Abgesehen von einer Fülle von Fehlerbehebungen gibt es in dieser Version eine Reihe von neuen Optimierungen und Funktionen. Diese tragen jedoch zu einem etwas zwiespältigen Gefühl zum Desktops bei: Einerseits gibt es eine freundliche Auswahl an Farbschemata in Ubuntu Mate Welcome, andererseits würde ich diese lieber im Erscheinungsbild-Menü sehen. Wenn man – wie ich bei meinem ersten Durchlauf – Mate Welcome verpasst, merkt man vielleicht nicht, dass man jetzt mit wenigen Klicks das standardmäßige MATE-Grün in eine Reihe anderer Farben ändern kann. Nach der Installation der neuen Themes erscheinen sie sogar im Erscheinungsbild-Menü, wo sie eigentlich von Anfang an hätten sein sollen!

Abgesehen von diesem Ungleichgewicht bleibt Ubuntu MATE Welcome eine der besten Ideen für Linux-Desktops, und mit jedem Release wird diese Idee immer ausgefeilter. Man kann jetzt das Layout der Panels ändern UND dabei sehen, was man tut, ohne es zuerst ausprobieren zu müssen!

Die Sache ist die, dass es bei einer so großartigen Erfahrung mit Welcome danach viel verwirrender ist, zurück zu MATE Tweak zu gehen und dort die spartanische Combobox zu verwenden.

Ich muss auf Ubuntu MATE 20.04 unbedingt einen längeren und detaillierteren Blick werfen, um zu sehen, ob all die Macken und Abstürze wirklich verschwunden sind, aber wenn es tatsächlich so ist, dann ist der grüne Ubuntu-Flavour die erste Distro in diesem Test, die von ähnlicher Qualität wie Vanilla-Ubuntu ist.

Ubuntu Budgie 20.04

Bevor Gnome wirklich gut wurde, entschied sich meine Wahl eines modernen GTK-Desktops zwischen Pantheon und Budgie. Ich schätze das konsistente Gefühl und die Intention hinter Elementary OS und seinen eigens dafür entwickelten Anwendungen, aber ich mochte auch Budgie genug, um es ein halbes Jahr lang als meinen Alltagsdesktop zu verwenden. Es ist etwas schwerer auf Seiten des RAM-Verbrauchs und verschlang beim Start respektable 1,2-1,5 GB, aber Schmuckstücke wie die großartige Tiling-Funktion, das tolle Aussehen und die gute Auswahl an Standard-Apps machten es zu einer großartigen Alternative zu Gnome.

Bedauerlicherweise für Budgie verbesserte sich Gnome drastisch, und obwohl Budgie meine erste Wahl für Anfang 2019 war, wurde der Wettbewerb im Laufe des Jahres viel härter.

Ubuntu Budgie Welcome ist immer noch ziemlich gut – wenn auch etwas hinter seiner MATE-Inspiration zurückgeblieben. Es ermöglicht die einfache Installation von Treibern, die Wahl eines Webbrowsers, lehrt neue Benutzer die Magie der Tastenkombinationen, zeigt Informationen über die Hardware, usw.

Während meiner mehrtägigen Nutzung habe ich keine großen Veränderungen gegenüber der letzten Version, die ich ausprobiert hatte, bemerkt, und obwohl ich Budgie in Ubuntu 19.04 wirklich mochte, spüre ich die Aufregung nicht mehr. Jetzt fühlt es sich an wie der Opel GT zu Gnome’s Porsche – für manche Leute großartig, aber nicht das Original.

Kubuntu 20.04

Im Jahr 2007, als ich anfing, Ubuntu zu benutzen, habe ich Kubuntu als gleichberechtigtes Mitglied der Ubuntu-Familie betrachtet. KDE 3 war nicht gerade mein Fall, möglicherweise aufgrund der oberflächlichen Ähnlichkeiten mit Windows, einem Betriebssystem, dem ich zu entkommen versuchte. Als die Jahre verstrichen und die Meinungsverschiedenheiten zwischen Jonathan Riddell und Canonical in seinem Ausscheiden aus der Community und dem Projekt eskalierten, wurden die Zukunftsaussichten von Kubuntu ziemlich fragwürdig. Dies wurde umso deutlicher, als einige neue Konkurrenten auf den Plan traten. Distributionen wie Manjaro und KDE Neon brachten erstklassige KDE-Setups für die Massen (na ja… Dutzende von Benutzern) und Kubuntu wurde zur langweiligeren Option. In seinem Kern ist es so ziemlich das Gegenteil von KDE-Neon. Während Neon ein top-aktuelles KDE auf Ubuntu LTS ist, ist Kubuntu ein stabiles KDE auf einem aktuellen Ubuntu.

Abgesehen davon gibt es keinen allzu merklichen Unterschied zwischen der KDE-Benutzererfahrung in Neon und Kubuntu. Eine sehr nette Sache, die ich vielleicht in meinen KDE Neon- und Manjaro-Rezensionen übersehen habe, ist, dass KRunner immer dann gestartet wird, wenn man anfängt zu tippen, während der Fokus auf dem Desktop liegt. KRunner selbst ist so ziemlich das beste Start-/Suchprogramm, das es gibt, einschließlich Windows-Startmenü und MacOS-Spotlight.

Wenn man bedenkt, dass KDE früher als “die aufgeblähte” Desktop-Umgebung angesehen wurde, eine, die höhere Systemanforderungen als üblich hat, kann man sich meine Überraschung vorstellen, als ich die RAM-Nutzung im direkten Vergleich zu XFCE und MATE sah – zwei wohl sehr leichten Desktops – und KDE dabei gleichzeitig die vollständigste und ausgefeilteste Benutzererfahrung bot.

Man betrachte nur das KDE-Screnshot-Werkzeug Spectacle: Es ist erstaunlich, wie viele Funktionen in einer so einfachen App untergebracht werden können.

Es ist allerdings ziemlich schwer, KDE-Distributionen zu rezensieren. Es scheint, als würden sich alle Distributionen nur unter der Haube unterscheiden, was ironisch ist, da KDE DER KÖNIG der Anpassungen ist. Wenn man allerdings Manjaro, KDE Neon oder Kubuntu sieht, sind die einzigen sofort sichtbaren Unterschiede das Farbschema und das Hintergrundbild. Sie alle teilen das gleiche Windows-ähnliche Panel-Layout und den sauberen Desktop-Look. Ich schätze, man könnte argumentieren, dass sich der Benutzer auf diese Weise mit seinen Anpassungen austoben kann. Aber man könnte es auch mit Fedora und Ubuntu vergleichen – beide Distributionen verwenden Gnome und beide sehen sehr unterschiedlich aus.

Versteht mich nicht falsch! Kubuntu ist eine großartige Interpretation von KDE, aber ich habe das Gefühl, dass ihm eine gewisse optische Abgrenzung zum de facto-Standard-Look von KDE Neon fehlt. Sogar das Standarddesign von Kubuntu erinnert sehr an das Breeze-Design, was keine schlechte Wahl ist, aber ich würde lieber etwas Wildes sehen – idealerweise eine Version von Ubuntu’s Yaru-Design in KDE. Oder vielleicht könnten sie sogar richtig verrückt spielen und eine Unity-ähnliche Oberfläche in Kubuntu implementieren, so dass es wirklich wie Ubuntu mit KDE aussieht und nicht wie eine generische Distribution mit K-Namen. Ich glaube, die Community (haha) hat genug Leute mit anständiger visueller Vorstellungskraft, so dass sie sich etwas Großartiges einfallen lassen könnten…

Ubuntu Kylin 20.04

Wo wir gerade von Cluster-Fucks sprechen… Schauen wir uns Ubuntu Kylin an. Ich habe von Kylin aus verschiedenen Podcasts mit Linux-Bezug erfahren und habe ihm selbst nie wirklich Beachtung geschenkt. Nach dem, was ich so gehört habe, schien es eine großartige Option für chinesische Linux-Benutzer zu sein, die in der westlichen Welt nicht viel Aufmerksamkeit erfährt. Ich habe beschlossen, dass ich es mir ansehen sollte, da es eine offizielle Version von Ubuntu ist. Oh Mann … es ist nicht gut, es ist überhaupt nicht gut. Einige Macken lassen sich durch Übersetzungsfehler und Schwierigkeiten bei der Bereitstellung der gleichen Benutzeroberfläche für lateinische Schriftarten und chinesische Zeichen erklären, aber viele der Probleme lassen sich nur auf schlampiges Kopieren anderer Betriebssysteme oder einfach nur auf die Wahl der falschen Pfade bei der Gestaltung der Benutzererfahrung zurückführen.

Auf den ersten Blick sieht die Benutzeroberfläche sauber, professionell und schön aus. Das Gefühl hält allerdings nur so lange an, bis man mit dem Mauszeiger über ein UI-Element fährt. Es gibt offensichtliche Probleme, die wahrscheinlich darauf zurückzuführen sind, dass Informationen durch lateinische Buchstaben etwas weniger dicht dargestellt werden können als durch chinesische Schriftzeichen.

Das tückischere Problem, das nicht durch die Berücksichtigung der variablen Zeichenkettenlängen gelöst werden kann, ist die unerklärlich zwiespältige Benutzeroberfläche. Soweit mir bekannt ist, ist Kylin DE ein stark modifizierter Ableger von MATE, jedoch scheint eine Reihe von Kylin-spezifischen Anwendungen völlig systemfremd zu sein, wobei sie sogar die Skalierungseinstellungen des Desktops ignorieren. Der ärgerlichste Missetäter ist eine miserable Kopie von Microsofts Systemsteuerung.

Mehr von diesen Verrücktheiten kann man in anderen Kylin-Apps beobachten, wie zum Beispiel im Wetter-Widget…

…den vorinstallierten Erweiterungen und der Standard-Webseite in Firefox…

…oder seltsamen Nachahmern berühmter Einwohner des Windows App-Ökosystems.

Unter all dieser Seltsamkeit und Unordnung befinden sich immer noch einige Überreste seines MATE-Elternteils. Es gibt Anwendungen wie zum Beispiel den Pluma Texteditor und dessen relativ geringen RAM-Bedarf.

Abgesehen davon glaube ich nicht, dass irgendjemand es als MATE-Forke identifizieren würde, wenn man nicht ausdrücklich nach Ähnlichkeiten suchen würde, da die leichte MATE-Basis durch dieses verdorbene Mayonnaise-Dressing von Müll-Apps darüber verdeckt wird.

Die einzige Beigabe, die vielen Westlern bekannt sein dürfte, ist Kingsoft WPS Office. Das ist eine Office-Suite, die im Android-App-Ökosystem ziemlich bekannt ist, und obwohl ich sie nie für sehr gut befunden habe, gibt es viele Benutzer, die auf sie schwören. Ich frage mich allerdings, wie die Lizenzierung funktioniert, da WPS Office ein komplett proprietäres Stück Software ist.

Ubuntu Studio 20.04

Ubuntu Studio ist ein seltsames Wesen. Es wird oft gesagt, dass der Erfolg der frühen Ubuntu-Versionen auf vernünftige Standardeinstellungen und Mäßigung bei der Einbeziehung von Anwendungen in die Basisinstallation zurückzuführen ist. Nun, Ubuntu Studio steht in völligem Gegensatz zu diesem Konzept. Es packt alles einschließlich der Küchenspüle in eine verrückt umfangreiche Sammlung von Tools für Medienschaffende aller Art. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass es auf diesem Planeten eine Person gibt, die alle diese Tools professionell nutzen kann.

Zuerst schrieb ich diesen Teil der Rezension recht vernichtend. Ich dachte, es sei nur eine Übung in Ausschweifungen, die nicht mehr Wert bietet als eine normale Xubuntu-Installation und einige Meta-Pakete aus den Repositories. Seitdem habe ich mit einigen meiner Freunde aus der europäischen Ubuntu-Community gesprochen und sie haben einige interessante Punkte angesprochen, die meine Meinung geändert haben:

Der Hauptbeitrag von Ubuntu Studio besteht darin, einer Vielzahl von Open Source Tools zur Erstellung von Medien-Inhalten eine große Sichtbarkeit und Auffindbarkeit zu bieten, die in der Vergangenheit von den Kreativen, die auf Linux umgestiegen sind, vielleicht übersehen wurden.

Außerdem ist JACK bereits eingerichtet, was, wie ich gehört habe, keine triviale Aufgabe ist. Abgesehen von der App-Auswahl und JACK ist es annähernd eine Standard-Xubuntu-Installation mit einem einfachen Theme und überraschend geringerem RAM-Gebrauch im Leerlauf.

Alles in allem würde ich sagen, dass diese kleine merkwürdige Variante meine Meinung geändert hat und da die nächste Version XFCE gegen das subjektiv weit überlegene KDE austauschen wird, finde ich es großartig zu sehen, dass es weiterhin seiner Super-Nische gerecht wird.

Ubuntu 20.04 Focal Fossa

Diese neue Version ist kein revolutionärer Sprung nach vorne, der keinen Stein auf dem anderen lässt. Sicherlich gibt es einige Änderungen im Hintergrund, wie z.B. die Zurückportierung von Wireguard VPN im Kernel, die Aufnahme von gerätespezifischen Verbesserungen ins Basis-Installations-Image, usw.. Diese Verbesserungen sind jedoch für den Durchschnitts-Benutzer nicht wirklich sichtbar. Das Großartige an dieser Version ist die Krönung einer Reihe von inkrementellen Verbesserungen, die 2017 mit Artful Aardvark und seinem Wechsel von Unity 7 zu Gnome Shell begann. Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich sehr gegen diese Umstellung war. Ich liebe Unity und würde es bis zum heutigen Tag benutzen, wenn es nicht durch spätere Versionen von GTK-Anwendungen beschränkt würde. Das HUD funktioniert nicht mehr in jeder Anwendung, die Skalierung ist unzuverlässig und ehrlich gesagt, das Design von Unity sieht so nach 2012 aus… Ich habe Gnome in meinen früheren Rezensionen ziemlich hart angepackt und mich über die zusätzlichen Klicks beschwert, die es für grundlegende Aufgaben wie die Verbindung zu einem neuen Wi-Fi-Netzwerk benötigt und über die vielen Frame-Drops, die ich selbst auf starken Rechnern erlebt habe. Glücklicherweise ist das letztgenannte Problem verschwunden und die Sensibilität für das Gnome-Design beginnt bei mir zu wachsen. GTK wird wohl in absehbarer Zeit Qt nicht als mein Lieblings-GUI-Toolkit ersetzen, aber ich halte Gnome nicht mehr für ein Anti-Feature von Linux-Distributionen. Schauen wir uns also an, was an dieser violetten Schönheit so toll ist:

Beim ersten Start werden neue Benutzer von einem einfachen Dienstprogramm begrüßt, das die Einrichtung von Online-Konten, der Live-Patch-Funktion von Ubuntu, dem Senden von nützlichen Telemetriedaten an Canonical oder der Standorterkennung erleichtert. Die letzte Seite zeigt einige der fantastischen Anwendungen, die über den Snap Store verfügbar sind.

Was diesen Snap Store betrifft, würde ich sagen, es ist eine unglückliche Fehlbenennung. Ich weiß, dass es bedeutet, dass es sich um eine Version von Gnome-Software handelt, die als Snap-Paket installiert wird, aber es ruft das Gefühl hervor, dass es Benutzern nur erlaubt, Anwendungen als Snap-Paket zu installieren und nicht im üblichen .deb-Format. Ich selbst habe einen großen Teil meiner Zeit damit verbracht, diese Verwirrung Mitgliedern der tschechischen und slowakischen Ubuntu-Gemeinschaft zu erklären. Wenn es nur um mich ginge, so würde es mich sowieso nicht allzu sehr interessieren, da ich Software normalerweise mit Hilfe von Terminalbefehlen installiere, aber ich kann mir vorstellen, dass es für neue Benutzer etwas ungemütlich wäre. Es ist jedoch so, dass Snaps einen schlechten Ruf haben, meiner Meinung nach meistens zu Unrecht. Vermutlich leiden sie unter dem gleichen Fluch wie Unity – in den ersten paar Versionen waren sie nicht ganz so ausgereift, aber jetzt sind sie großartig, und die Vorteile überwiegen die wenigen Nachteile bei weitem.

Beim ersten Start des Snap Store dauert es eine Weile, bis der Software-Katalog heruntergeladen ist. Leider wird es immer noch eine Weile dauern, bis alle Kategorien gefüllt sind, wenn man eine langsame Verbindung hat oder die Server im Moment überlastet sind. Die Stärke des Snap Stores und der Snaps selbst liegen in der Tatsache, dass die Softwarehersteller die Kontrolle über die Veröffentlichung ihrer Software für die Öffentlichkeit haben und die Benutzer daher sicher sein können, dass sie immer die neuesten und besten Versionen ihrer Lieblingsanwendungen haben. Aus diesem Grund springen selbst große proprietäre Anbieter und Dienste auf den Zug auf und man kann Slack, Spotify und viele andere direkt aus dem Store beziehen.

Aber es geht nicht nur um proprietäre Anwendungen. Auch Open-Source-Anwendungen wie Inkscape können von der Leichtigkeit profitieren, mit der sich Anwendungen auf diese Weise verpacken und veröffentlichen lassen. Wir haben hier die allerneueste stabile Version von Inkscape fast unmittelbar nach der Veröffentlichung der neuen Version als Snap, während die .deb-Pakete mehrere Monate hinterherhinken. Snap-Apps fragen sogar nach Berechtigungen, wie man es wahrscheinlich von Android und iOS gewohnt ist. Auf dem letzten Screenshot des Pakets sieht man die Snap-Version auf der linken Seite, während die .deb-Version in der rechten Hälfte des Bildschirms zu sehen ist. Ich habe es nicht nachgemessen, aber da ich den Unterschied in der Startgeschwindigkeit nicht erkennen konnte, scheinen sie ziemlich nahe beieinander zu liegen.

Apps als Snaps zu paketieren ist wirklich einfach – so einfach, dass sogar ich es für mein einfaches Audio-Switching-Bash-Skript machen konnte. Auch wenn es etwas verschwenderisch ist, 14MB PulseAudio und notify-osd mit ~50 Zeilen Bash zu paketieren, erlaubt es dem Skript, ohne größere Probleme auf den meisten gängigen Linux-Distributionen zu laufen.

Neben dem neuen Snap Store bringt Ubuntu 20.04 auch Gnome 3.36.1 mit. Wie bereits gesagt, ist das der bisherige Höhepunkt des Gnome-Erlebnisses – geschmeidiges Aussehen und geschmeidiger Betrieb. Sogar die notorisch für ihre Frame Drops bekannte Application-Reveal-Animation ist butterweich und bietet den Wow-Faktor, den die Distro verdient. Noch beeindruckender ist, dass die Frames selbst dann nicht ausfallen, wenn die experimentelle Fractional Scaling-Option auf “an” gesetzt ist.

Sogar Dinge wie Fingerabdruck-Scanner und LTE-Modem funktionieren direkt nach der Installation. Es gibt einige Dinge, wie z.B. die falsch ausgerichtete Suchleiste, die manchen Ordnungsfanatiker sehr stören werden. Glücklicherweise stört mich das nicht so sehr, ebenso wenig wie der RAM-Verbrauch, den ich gerne niedriger hätte.

Man mag mich oberflächlich nennen, aber eines meiner Lieblingsfeatures dieser Version ist das aktualisierte Yaru-Design. Ich liebe es, ich liebe, wie originell, passend und Ubuntu-mäßig es ist. Warmes Violett und orange Akzente sind gleichermaßen stilvoll und beruhigend.

Fazit

Das war für mich eine ziemliche Reise! Der Wechsel zwischen all diesen Varianten in den letzten Wochen hat meine Sicht auf Ubuntu radikal verändert, nicht nur in Bezug auf die Standard-Gnome-Version, sondern auch in Bezug auf alles, was um das Kernprojekt herum aufgebaut wurde. Ich bin ein wenig besorgt, dass die Marke und der Ruf durch die Vielzahl der Varianten – von denen die meisten überflüssig sind – etwas verwässert werden. Warum Flavours wie Lubuntu, Xubuntu oder Ubuntu Budgie weiterhin als “offiziell” bezeichnet werden sollten, kann ich wirklich nicht nachvollziehen. Sie sind für sich genommen großartige Betriebssysteme, aber ich habe das Gefühl, dass jeder Mangel an Aufmerksamkeit für Details oder Feinschliff, unter dem sie leiden, ein schlechtes Licht auf Ubuntu als Ganzes wirft und dass sie auch an ihren besten Tagen nicht wirklich viel dazu beitragen. Wenn es als notwendig erachtet wird, einige Varianten beizubehalten, um die Optionen zu erhalten, dann würde ich es vorziehen, wenn die Auswahl ein wenig komprimiert wäre – vielleicht auf Ubuntu, Kubuntu und Ubuntu MATE mit Ubuntu Studio Meta-Paketen. Auf diese Weise könnten wir mehr Feinschliff und hoffentlich Dinge wie eine QT-Variante des Yaru-Themas für Kubuntu sehen.

Auf der anderen Seite sieht Ubuntus Zukunft sehr vielversprechend aus und hat viel Potential. Es gibt sichtbare Fortschritte in der Zusammenarbeit mit OEMs – der experimentellen Unterstützung für ZFS auf der Root-Partition – und nun sogar eine flackerfreie Bootsequenz. All das sind Zeichen der Zukunft, auf die sich Ubuntu zubewegt. Ich hatte das Glück, beim Presse-Webinar von Canonical-Chef Mark Shuttleworth dabei gewesen zu sein, bei dem wir etwas hinter den Vorhang schauen durften.

Die Fragen und die Antworten, die wir darauf erhielten, erfüllen mich mit nüchternem Enthusiasmus. Es war erfreulich zu hören, dass Ubuntu sich inzwischen selbst trägt und nicht mehr auf externe Finanzierung durch seinen “wohlwollenden Diktator auf Lebenszeit” angewiesen ist. Snaps entwickeln sich rasant weiter und es gibt sogar Gespräche darüber, sie über das Windows Subsystem für Linux auch auf Windows zum Laufen anzubieten.

Was für normale Heim-Anwender vermutlich weniger interessant ist, für die gewerblichen Kunden aber sehr wichtig sein dürfte, ist die Verbesserung der erweiterten Sicherheitsupdates. Das Programm für erweiterte Sicherheitsupdates umfasst jetzt jedes einzelne Paket in den Ubuntu-Repositories.

Persönlich bin ich wegen der Snaps am aufgeregtesten. Diese mögliche Zukunft, in der ich für eine Anwendung nur ein Paket erstellen muss, um es auf allen wichtigen Linux-Distros UND Microsoft Windows verwenden zu können, ist ein Traum, der womöglich bald Realität wird. Und wenn sich die Werkzeuge um Snaps herum weiterhin in diesem Tempo verbessern, sehe ich eine strahlende Zukunft für Ubuntu voraus, sowohl mit Entwickler-Fokus als auch als der De-Facto-Standard-Desktop für alle Linux-Benutzer. Hoffen wir, dass FUD und Missverständnisse den Fortschritt nicht zu sehr ausbremsen.

Artikelbild von ubunteiro-feliz

Dieser Artikel erschien auch auf Michal’s Blog und wurde von André Hahn übersetzt.

Ein ewiger Computer Science Student mit einer Leidenschaft für Open Source Evangelismus. Bringt seit 2007 Menschen zu GNU / Linux. Professioneller Software Pfuscher

5 comments On Ubuntu 20.04 Mega-Testbericht

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    Falls mal wieder eine Interview Gelegenheit da ist:

    – Gab es den Informationen von Shuttleworth wie es mit Wayland (und Pipewire) weiter geht?
    – Inkscape hat ja das Problem, dass es als SNAP packet nicht in der Lage ist von einem Installierten GIMP die möglichkeit XCF Dateien zu öffnen zu nutzen. Wird es da Verbesserungen geben?
    – Kriegt Launchpad.net irgendwann mal ein Upgrade?
    – Wird es irgendwann mal möglich sein Drucker in Ubuntu angenehm einzustellen ( verbinden geht ja problemlos ) ?
    – Ist geplant HomeD einzuführen. Darauf warte ich schon sehr, weil es mir erlauben würde Home Verzeichnisse besser über mehrere PCs zu Backupen und synchronisieren. Das würde das Warten der Familien PCs angenehmer machen.
    – Könnte sich Ubuntu vorstellen die RDP Funktionen besser zu unterstützen inkl. aller möglichen Device-sharing Funktionen?
    – Könnte es sich Mark Shuttleworth vorstellen als Mentor eine teilweise Zusammenarbeit zwischen UBports, SailfishOS, Fairphone, lineageOS, zu erreichen um z.b. Standards zu etablieren oder gar Komponenten gemeinsam zu entwickeln.

  • Pingback: Ubuntu 20.04 Mega-Testbericht - ahahn94's Blog ()

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    Vorbildlicher Artikel/Testbericht, danke dafür. Wo bzw gibt es überhaupt das erste Bild mit der Katze auf schwarzen Hintergrund als Wallpaper in 4K Auflösung? Sieht wirklich gut aus.

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